Reisen

Das nächste Mal fährst du länger weg. Nicht Urlaub machen, sondern reisen!

Es fängt harmlos an. Kein Pauschalurlaub mehr, sondern eine Wanderung durch den Norden Spaniens. Alleine, ohne vorher ein Hotel, eine Pension oder ähnliches gebucht zu haben. Wissend, dass du jeden Tag woanders sein wirst, an neuen und unbekannten Orten. Klar, Du warst schon mal dort, bist hier schon mal entlang gelaufen, aber dieses Mal wird alles anders. Es ist jedes Mal anders, auch nach dem x-ten Mal, denkst Du. Es wird schön, die Menschen sind interessant, zum Erbrechen freundlich, die Landschaft atemberaubend schön. Eine perfekte Infrastruktur für eine Wanderung mit Rucksack; seit mehr als 1000 Jahren.Alles ist sicher, gewissermaßen komfortabel, aber immer noch mit dem Freiraum für Abenteuer.

Das erste Mal bist du dem Führerbuch entsprechend gewandert, hast dich gefreut, wenn du die eine oder andere Etappe „über das Buch hinaus“ gelaufen bist. Hast dir Notizen gemacht in deinem Kalender, über Stunden, Zeiten, Ortschaften, wie lange, wie weit, von wo nach wo. Jetzt hast du die Gewissheit, dass du es schaffst, weil du es bereits geschafft hast. Das zweite Mal wird entspannter. Du hast die Möglichkeit noch mehr Details zu beobachten, innezuhalten, stehenzubleiben und zu beobachten, weil du zeitlos läufst. Du machst ja eh schon keinen Urlaub, du reist, unabhängig. Du bist nur noch dir gegenüber verantwortlich, niemanden mehr Rechenschaft schuldig, warum du heute hier und nicht dort übernachtet hast.

Alles daheim ist schwer, unterwegs ist es leicht. Du reduzierst dich auf Laufen, Essen, Trinken, Schlafen. Mehr nicht. Geniese die Welt um dich herum, lerne Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen der Erde kennen. Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen, Motivationen und Backgrounds. Du lernst spontan Leute in abgelegenen Ortschaften kennen, weil du ihnen anhand ihres Rucksacks, ihrer Kleidung und – last but not least – ihres Führers ansiehst, dass sie das gleiche Ziel haben wie du; zuminderst die gleiche Richtung. Du kommst mit Fremden ins Gespräch, vorurteillos, tourst mit ihm die nächsten Tage durch das Land, isst und läufst mit ihm, philosophierst mit ihm über

Gott und die Welt oder redest einfach nur über Fussball. Jeden Tag triffst du mehr Menschen, machst dir von ihnen Notizen in dein Tagebuch, tauschst eventuell eMailadressen aus, versprichst im Kontakt zu bleiben. Vielleichst schreibst du auch die eine oder andere eMail, auf Antwort hoffst du aber nie.
Du lernst Menschen kennen die auf der Suche sind. Sie suchen etwas höheres oder sind einfach nur auf der Flucht. Die Flucht kann ein Lebensinhalt geworden sein. Alle sehen aber glücklich aus, trotz der körperlichen Anstrengung von täglichen 25, 30 oder mehr Kilometern bei Wind, Sonne, Regen oder sogar Kälte. Nach der Erschöpfung am Abend kommt die Erkenntnis etwas geleistet zu haben zu dir. Es treibt dich vorwärts, dieses Gefühl kommt immer wieder, immer in kürzeren Abständen. Du erfährst ein „Wanderers-High“, ein „Forrest-Gump-Gefühl“ immer weiter und immer weiter laufen zu können. Eine Flucht vor den eingefahren Wertevorstellungen, die ins Wanken gekommen sind. Alles was Du brauchst, ist Dein Führerbuch (wenn überhaupt) und etwas Geld, wenig Geld jeden Tag.
Du reduzierst deine Ansprüche in Essen und Übernachtung, aber du lässt dich nicht gehen. Du wäschst deine Wäsche schon fast mit zenähnlicher Akrepie, beobachtest im Schatten sitzend wie sie trocknet, ohne Hast und Eile. Niemand will dir Böses, alle haben den gleichen Weg vor. Du lebst wie ein König; du tuest jeden Tag was du willst. Du hast eine der besten Zeiten deines Lebens. Du bist angefixt. Du kommst dem Ziel näher, dem Ende der Welt. Ein Erfolg, eine Leistung. Aber wofür? Nach der Erreichung des Ziels macht sich auch Enttäuschung breit. Ende! Vorbei! Zurück!?

Du kommst zurück, stellst fest, dass sich hier wenig bis nichts verändert hat. Die Dinge, über die deine Freunde, deine Verwandten und Geschäftspartner sprechen, sind dieselben wie vorher. Es erscheint dir nichtig, kleinlich, ohne jede Änderung. Jemand erzählt dir von einem gelungenen Geschäftsabschluss, von einem erfolgreichen Wochenende mit dem- oder derjenigen, von einem Wochenendtripp nach Ibizia. Das kann nicht sein! Du hast in den Wochen alleine mehr erlebt als andere in 5 Jahren. Du willst mehr davon! Es lässt dich nicht mehr los. Du stellst fest, dass dein Alltag sich endlos hinzieht, langweilig und trocken. Du willst nicht funktionieren, du willst leben. Du willst laufen, wandern, Distanzen überwinden, alleine, zusammen mit anderen. Du erinnerst dich an die schwedische Schriftstellertrainierin, die all ihre Möbel verkaufte, Reste ihres Hab und Guts bei Freunden in Kartons einlagerte, ihr Wohnung kündigte und sich auf die Wanderung machte. Sie war von Schweden bis nach Nordspanien unterwegs, für eine sehr sehr lange Zeit. Du kannst dich reinversetzen zu verstehen, dass es egal ist, wo du bist, in welchem Land, in welcher Provinz, in welchem Ort. Wichtig ist nur, dass dein Kopf frei ist, du nicht mehr an daheim denken musst, und wenn doch, dann nur mit Kopfschütteln.

Du erinnerst dich an all die Menschen zuhause, in einem kalten Land, gestresste Menschen, bei ihrem Tanz um das goldene Kalb. Die Angst regiert sie, ihren Job zu verlieren, die Angst, alleine zu sein, die Angst, zu wenig zu tun. Du bist auf deiner Wanderung durch abgelegene Ortschaften und Landstriche gekommen, in den die Menschen wenig hatten, aber glücklich sind. Wo dir unverhofft jemand Pfannkuchen am Wegesrand angeboten haben, umsonst, glücklich sind, dass du welche genommen hast, und Geld dafür abgelehnt haben. Du triffst auf Menschen, die dir sagen, dass du leicht vom markierten Weg abgekommen bist, nur weil du einen Krämerladen in einer kleinen Seitenstrasse aufgesucht hast und warten bis du fertig mit einkaufen bist, und bist du wieder auf dem richtigen Weg bist. Menschen, die glücklicher sind als all die Geschäftsleute, Verwandten und andere, die du kennst.

Es sind diese Momente, die dich süchtig machen nach mehr. Diese Glücksmomente haben sich in dein Gedächtnis eingebrannt, unauslöschbar, die dir niemand mehr nehmen kann. Es mag naiv klingen, aber was soll falsch sein an Naivität? Es sind die Momente, in denen nichts anderes zählt als die Gegenwart, das hier und jetzt; über Tage und Wochen hinweg. Es sind die Momente in der Schönheit der Natur, zusammen mit Menschen mit gleichen, ähnlichen oder ganz anderen Absichten.
Du kommst zurück. Dein Verständnis für die kleinen grossen Probleme zuhause hat sich verändert. Deine Frustrationsschwelle ist enorm gesunken, in immer kürzer werdenden Abständen denkst du an die Zeit der Wanderung. Jede kleine Niederlage im Beruf, im Privaten oder sonstwo, lassen dich sofort daran denken, wie schön es war in der Ferne. Willst du überhaupt noch einen Fuss auf den Boden dieser Realität bringen? Du fliehst in eine Notwendigkeit zu funktionieren um dir deinen nächsten Ausriss zu ersparen. Und dich überkommt immer wieder der Gedanke, ob dies sinnvoll ist, ehrlich ist. Warum nicht gleich ganz weg, und alles hinter sich lassen. Die Welt heutzutage ist kleiner geworden, niemand ist ganz weg, verschwunden auf nimmerwiedersehen. Es gewaltiger Entschluss, der eine gewaltige Leidensphase voraussetzt.

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